Am Samstag,den 08.11.2008 ketteten sich drei Anti-Atom-AktivistInnen auf der Castorstrecke bei Wörth – kurz hinter der deutsch-französischen Grenze – in einem Beton-Lock-On unter den Gleisen fest. Während der 12 Stunden, die die Polizei brauchte, um die AktivistInnen aus dem Gleis zu holen, musste der Zug in Lauterbourg warten.

Dies war eine der längsten Einzelblockaden durch Kleingruppen in der Geschichte des Castorwiderstandes. Die Effektivität von Ankettvorrichtungen in Betonblocks hatte sich schon Jahre vorher gezeigt, als Leute mit einer änlichen Aktion im wendländischen Süschendorf den Zug 16 Stunden aufhielten. Auch die jährlichen Ankettaktionen der Bäuerlichen Notgemeinschaft zeigen eine ähnliche Effektivität. Derartige Einzelaktionen sind im Zusammenspiel mit einem vielfältigen, bunten und breiten Protest elementar für den Castorwiderstand.

Chronologie und Technik

Im Vorfeld der Aktion waren eine intensive Vorbereitung und fundierte Informationen sehr wichtig, um die Gefährdung aller Beteiligten auszuschließen. Am Aktionstag wurde die Polizei gegen 13 Uhr vom Stopperteam, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Zug rechtzeitig vor dem Aktionsort zum Halten zu bringen, darüber informiert, dass sich Menschen an das Gleis gekettet hatten. Die ersten Beamten, die am ktionsort eintrafen, waren mit der Situation überfordert und vermuteten unter anderem, dass die drei AktivistInnen sich mit Packetschnur und Doppelknoten festgemacht hatten.

Erst als weitere Polizeieinheiten eintrafen, begriffen diese, dass sich die drei Personen tatsächlich im Gleisbett festgekettet hatten. Dass es sich um – in einem unter den Schienen versteckten Betonklotz verankerte – Plastikrohre handelte, in denen die AktivistInnen sich mit einem Schloss an einer Kette an einem dort fixierten Steg befestigten, stellten jedoch erst später die Technischen Einheiten fest.
Der Bereich wurde großflächig abgesperrt, die Presse musste zu Beginn der Arbeiten 50 Meter Abstand halten. Inzwischen befanden sich c a. 50 bis 100 Polizeibeamte am Aktionsort. Nach Eintreffen der technischen Einheit wurden die Bezugspersonen der Festgeketteten – entgegen der vorhergehenden Zusage, dass diese zwar den Sicherheitsbereich verlassen müssten, aber in der Nähe bleiben dürften – gewaltsam entfernt. Da es für die Sicherheit und das Befinden der Festgeketteten wichtig ist, Vertrauenspersonen vor Ort zu haben, trug diese frühzeitige Ingewahrsamnahme zu einem erhöhten physischen und psychischen Risiko für die AktivistInnen bei. Ebenso wurden die mitgebrachten Nahrungs- und Getränkevorräte der AktivistInnen als „Fundstücke“ deklariert und diesen die gesamten 12 Stunden über verweigert.

Das technische Team untersuchte die Rohre mit Endoskophen, um die Ankettvorrichtung zu untersuchen. Dieser Vorgang dauerte etwa eine Stunde und verlief ergebnislos. Für die eigentliche Arbeit verwendeten die Technischen Einheiten vor allem Presslufthämmer und Bohrhämmer mit Meißelaufsatz. Doch auch die Flex kam immer wieder zum Einsatz, da sich im Beton offensichtlich auch Metallstäbe, Drähte, Autoreifen und Kleinteile wie zum Beispiel Schraubenschlüssel befanden. Dies führte auch dazu, dass das Werkzeug ziemlich häufig gewechselt werden musste und sich die Beamten oft nicht über ideale Vorgehensweisen einig waren. Erst nach sechs Stunden konnten sie den ersten Aktivisten aus der Vorrichtung lösen. Bei den beiden anderen dauerte es sogar zehn bzw. zwölf Stunden. Trotz geschwächtem Gesamtzustand wurde den Festgeketteten von Polizeisanitätern Gewahrsams- und Transportfähigkeit bescheinigt. Der Gewahrsam dauerte für sie – wie auch für die frühzeitig festgenommenen Vertrauenspersonen – bis etwa 5 Uhr morgens.

Durch diese Aktion erreichte der Zug das Wendland mit 12 bis 14 Stunden Verspätung, wo weitere Blockaden auf ihn warteten.

Politische Motivation

Atomkraft ist durch die nach wie vor vorhandene Störfall-Gefahr, den Jahrtausende strahlenden Müll, die ungeklärte Endlagerfrage inakzeptabel. Hinzu kommen die vielen Todesfälle durch Unfälle und durch die beim Uranabbau freiwerdende Strahlung. Auch die militärische Nutzung radioaktiven Materials steht durch das bei der Wiederaufbereitung anfallende Plutonium unweigerlich in Zusammenhang mit dem Betrieb von Atomkraftwerken. Kohle ist als klimaschädlichste Energiequelle keine Alternative.

Unsere Alternative ist der Aufbau einer dezentralen Stromerzeugung aus regenerativen Energien. Stromkonzerne und zentrale Stromnetze müssen durch vielfältige Einzelinitiativen und selbstorganisierte Projekte abgelöst werden. Jede_r einzelne ist gefordert, bewusst zu entscheiden, woher der Strom, den er oder sie, nutzt kommen soll. Jede_r einzelne kann durch einen nachhaltigeren und bewussteren Umgang mit Energie dazu betragen, dass dieses System der maximalen Bequemlichkeit, des maximalen Wachstums, der maximalen Profite für wenige nicht länger Bestand hat. Und jede_r einzelne kann Möglichkeiten entwickeln sich diesem System und seinen Symtomen direkt entgegen zu stellen.

Dezentrale Aktionen mit selbstorganisierten Aktionsgruppen

Die Aktion zeigte auch, dass es sinnvoll sein kann, den Widerstand nicht auf das Wendland zu beschränken, sondern ihn auch geografisch in die Breite zu ziehen. Wenn die Polizei mit Aktionen auf der gesamten Strecke rechnen muss, wird sie nicht mehr genügend Kräfte bereitstellen können und das Durchkommen zu den Gleisen wird wahrscheinlicher. Überregionaler Widerstand ist nötig: nicht nur beim Castor, sondern auch an anderen Stellen wie bei Uran-Transporten oder auf Kraftwerksbaustellen!
Know-How ist in vielfälter Form vorhanden – lasst es uns nutzen!